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Reiseberichte

Kulturfahrt nach Ligurien
13. - 20. Mai 2010

„Lieber Freund, ein Wort aus diesem wunderlichen Welt-Winkel. Denken sie sich eine Insel des griechischen Archipelagos, mit Wald und Berg willkürlich überworfen, welche durch einen Zufall eines Tages an das Festland herangeschwommen ist und nicht wieder zurück kann …“. So eindrucksvoll stellt Friedrich Nietzsche seinen Aufenthaltsort in Camogli am Golfo di Paradiso östlich von Genua dar, zu finden in einem Brief vom Oktober 1886 an seinen Freund und Mitarbeiter, den Schriftsteller Heinrich Köselitz. Der große Philosoph hielt sich mehrfach in Ligurien auf, das für ihn zu einer Quelle der Inspiration geworden ist. In seinen Dionysos-Dithyramben, Nietzsches letztem Werk, 1888 veröffentlicht, streicht Gottfried Benn „ligurische Begriffe“ wie Blau, Helligkeit, Wurf, Welle und Spiel heraus.
Ähnliche Anziehungskraft übte der Golfo di Lerici am östlichen Ende Liguriens aus. Er erhielt dafür die Bezeichnung Golfo dei Poeti. In der Villa Magni bei San Terenzo waren Percy Bysshe Shelley, Lord George Byron, D. H. Lawrence, Virginia Woolf und Gabriele d’Annunzio zu Gast. Der Arzt und Naturwissenschaftler Paolo Mantegazza, 1910 in San Terenzo gestorben, schreibt dazu: „Una casa antica, rozza, coi piedi nel mare, con le spalle difese da un monte sempre verde di pini e di lecci, con un terrazzo e un porticato che conduce al mare. Più nave che casa.“
Am westlichen Ende des ligurischen Halbrunds, der Grenze zu Frankreich nahe, in Dolceacqua, finden wir am Aufgang des 33 m weit gespannten Brückenbogens über den Fluss Nervia das Wort des Impressionisten Claude Monet vom 18. Februar 1884, die Brücke sei „ein Juwel der Leichtigkeit“. Monets Gemälde zeigt den Ponte Vecchio, dahinter ansteigend den mittelalterlichen Ort und darüber thronend die imposante Burgruine Castello dei Doria. Mit diesem fulminanten Auftakt beginnt unsere Tour durch die zweitkleinste Region Italiens mit ihren vier Provinzen. Aufgebrochen waren wir in Klagenfurt unter tiefhängenden Wolken bei leichtem Regen, Ligurien aber begrüßte uns sogleich an der Appennin-Grenze in Campo Ligure mit Sonnenschein und verschonte uns bis zum Ende unserer Reise mit Regen, wenn sich auch der Himmel ausgerechnet am Tag, als wir die Cinque Terre entlangfuhren, düster gab.  Von zwei Standorten aus führt uns Frau Graue nach umfassendem und sorgfältig geplantem Konzept durch ein Gebiet, in dem Ligurer, Kelten, Karthager, Griechen, Römer, Westgoten, Byzantiner, Langobarden und Sarazenen ihre Spuren hinterlassen haben. In Alassio an der Riviera Ponente residieren wir im Grand Hotel Mediterranée unmittelbar an der Promenade und erleben am ersten Morgen einen beinahe dramatischen Sonnenaufgang über dem Meer mit der Silhouette der Insel Gallinara im Vordergrund. - Der Riviera Ponente, unterteilt in die Riviera dei Fiori und die Riviera delle Palme, ist der erste Teil unserer Kulturfahrt gewidmet. Von den landschaftsbestimmenden Elementen Meer, Himmel und Berg beschäftigt uns anfangs vornehmlich letzteres, denn die Menschen früherer Zeiten siedelten bevorzugt im Schutze von Burgen an Hügeln oder in ummauerter Stadt. Reizvoll sind die kühlen Arkaden, die schattig-engen, bogenüberspannten Gassen mit ihrer die Füße belebenden Pflasterung aus dunklen runden Kieseln, mit den vielen Stufen und Durchgängen, Ausblicken und Einsichten, mit der bunten Wäsche vor den Fenstern und den Blumentöpfen aus unterschiedlichstem Material zu beiden Seiten der Türen. Wer genug Luft hat (und das sind fast alle von uns 32 Reiseteilnehmern), gewinnt auf erklommener Höhe jeweils beeindruckende Weitsicht. An jedem Ort, an dem wir halten, hat Frau Graue zumindest einen Höhepunkt anzubieten. Meist sind es romanische Kirchen, an denen unserer Reiseleiterin ein schon legendäres Interesse nachgesagt wird, zu Recht, wie sich jedesmal herausstellt, wenn neben der historischen auch die kunstgeschichtliche Bedeutung exzellent dargelegt wird. Ich denke dabei an Camporosso, Dolceacqua, Taggia mit der sechzehnbogigen mittelalterlichen Brücke über den Fluss Argentina, einst Teil der antiken Via Iulia Augusta, an Montalto Ligure auf stolzer Höhe und das einsame Andora mit der wehrhaften Chiesa SS Giacomo e Filippo, zu der ein bemerkenswerter Percorso Poetico hinaufführt, betreut vom Circolo Letterario Le Pietre di Luna mit Lyrik aus aller Welt, verzeichnet auf Schiefertafeln. Für einen Besuch des Schlagerfestivals von Sanremo, dessen prunkvolle, parkgesäumte Villen wir durch das Autofenster bewundern, sind wir leider um einiges zu spät daran. Der Bewerb findet seit 1951 jedes Jahr im Februar im Casino Sanremo statt und hat u. a.“Mister Volare“ Domenico Modugno, Adriano Celentano und Eros Ramazotti bekanntgemacht.
Östlich von Alassio bleiben wir dem Meer nahe. In Albenga versuchen wir mit nach oben gerichteten Köpfen dem Gespräch zu lauschen, das die drei mächtigen Türme an der Piazza San Michele seit Jahrhunderten miteinander führen, und steigen hinab in das Baptisterium des 5. Jahrhunderts mit ravennatischen Mosaiken, um uns von der Tourismus-Priesterin in den alten Taufritus einweihen zu lassen. Die ganze Stadt ist am Tage unseres Besuches beflaggt für das Fest der Fionda di Legno (Holzschleuder), mit welcher traditionsfördernde Persönlichkeiten jährlich ausgezeichnet werden.
Finale Marina
, zur Mittagspause erkoren, verweigert uns zwar den Besuch des Castello Castelfranco, verweist uns aber auf unsere eigene Geschichte durch den großzügig beschrifteten Triumphbogen für Margarete von Österreich. Die spanische Prinzessin Margareta Teresa, Tochter König Philipps IV. von Spanien, war 1666 auf ihrer Reise zur Hochzeit mit Kaiser Leopold I. in Wien hier gelandet. Finale Ligure besteht aus drei Teilen. Neben dem Ferienort Finalmarina gehören Finalpia und das mittelalterliche Finalborgo, 3 km landeinwärts, dazu. Ein Gang durch die Gassen und über die kleinen Plätze des Borgo versetzt den Besucher um fünf Jahrhunderte zurück. Modern dagegen ist, dass Finalborgo als das Kletter-Eldorado Europas inmitten von 2.000 Klettertouren bezeichnet wird. Eine diesbezügliche Kostprobe steht nicht auf unserem Reisemenuplan. Noli, einstmals Neapolis genannt, bezeichnet sich selbst stolz als fünfte Seerepublik neben Venedig, Amalfi, Pisa und Genua, weil es sich durch die Teilnahme am ersten Kreuzzug 1097 als Seemacht etablierte. Flinken Fußes durcheilen wir die Stadt, finden aber unser Ziel, die Kirche San Paragorio, verschlossen. Grund: Hochzeitsvorbereitungen. Im Hintergrund erklingt das Wort: „Noli me tangere!“ Unserer Direttrice gelingt es, einen Besuch für den nächsten Tag zu vereinbaren. - Unverdrossen streben wir dem nächsten Ziel zu, der Provinzhauptstadt Savona. Imponierend ist der Empfang durch die Festung Il Priamar am Hafen. Unser Weg durch die caruggi der Altstadt ist zielbewusst auf die Cattedrale di Nostra Signora Assunta gerichtet. Durch den Kreuzgang neben der Kathedrale gelangen wir in die Capella Sistina, die Sixtus IV. – er ließ die Sixtinische Kapelle im Vatikan erbauen – als Grabstätte für seine Eltern in Auftrag gab: Nach so viel Romanik und Mittelalter eine Überraschung in verspieltem Rokoko. Auf Anraten des Cicerone im Dom begeben wir uns anschließend auf die Piazza Mameli. Hier steht täglich um 18 Uhr bei den Schlägen der Friedensglocke das Leben still. Wir überzeugen uns von der Richtigkeit dieser Behauptung. Die Fahrzeuge halten, das Geschwätz in der Cafetteria ruht, der Polizist salutiert. „La campana suona invitando i cittadini a un momento di pausa e di riflessione“ erklärt die Tafel vor der Glocke.
Nach drei Nächten verlassen wir das mondäne Seebad Alassio, das uns nicht nur angenehme Unterkunft und gute Verpflegung geboten hat, sondern auch geruhsames Flanieren am Abend durch die lange, enge Gasse, Budello genannt, die parallel zum Ufer verläuft, erlaubte. Ein Abschiedsbesuch gilt noch dem Caffè Roma mit seinem berühmten Muretto gegenüber mit den zahllosen, in Keramikplatten verewigten Autogrammen von Berühmtheiten, dann verlassen wir die Riviera Ponente, wechseln wir die Seite auf die Riviera Levante, nicht ohne vorher nochmals Noli zu besuchen, diesmal mit Einlass in San Paragorio, einem Meisterwerk ligurischer Romanik. Der Christus des romanischen Volto Santo, des zweitältesten in Italien, ist mit einer Art Nachthemd bekleidet. Es ist Sonntag Mittag, die warme Sonne hat einige Sonnenanbeter aus der Stadt an den Strand gelockt – Schwalben des nahenden Sommers. In Kärnten haben sich an diesem Wochenende die Eismänner mit Regen und Schnee breitgemacht!
Mächtig breitet sich Genua aus, von der Küste verzweigt es sich in die Falten der Talsenken und kriecht die Anhöhen hinauf wie ein üppig sprießendes Gewächs - oder wie eine mitleidlose, alles verschlingende Krake. Ardesia, Schiefer, beherrscht bald die Landschaft, und die Via dell’Ardesia bringt uns nach Lavagna. Nomen est omen. Mächtig ragt über einem Weingarten die Basilica di San Salvatore dei Fieschi empor, außen und innen schiefergrau, im oberen Teil weiß-grau gebändert. Gegenüber klagen die Ruinen des Palazzo der Bauherren, der Conti Fieschi, ein Name, der uns aus der Schulzeit herüberklingt. Giovanni Luigi di Fieschi, Graf von Lavagna, war 1547 das Haupt einer Verschwörung gegen die diktatorische Adelsherrschaft des Andrea Doria und seines Neffen Gianettino. Vom Steg, der auf das eroberte Admiralsschiff, führt, stürzt der Graf in voller Rüstung ins Meer und ertrinkt. Friedrich von Schiller lässt den Helden seines Dramas durch einen Stoß des glühenden Republikaners Verrina von der Brücke stürzen. – Beim Betreten der Kirche empfängt uns wohltönender Gesang, der den hohen Raum füllt – Vorbereitung für eine Hochzeit im Wonnemonat Mai. - Noch eine Überraschung hält dieser Sonntag für uns bereit. Die Straße zur Abbazia Sant’Andrea di Borzone ist für unseren Bus zu eng, zu kurvenreich. Ein halbstündiger Fußmarsch bergauf auf schmalem Steig an einem sprudelnden Wasserband entlang durch blumenreiches Gras bringt uns an den heiligen Ort. Endlich einmal etwas Anstrengung, nichts natürlich im Vergleich mit dem Schweiß der Mönche von Bobbio, die hier vor 800 Jahren ihr „Ora et labora“ in die Tat umsetzten!  - Mit sinkender Sonne kommen wir wieder ans Meer, an den Golfo di Tigullio, und beziehen Quartier im Parkhotel Suisse im luxuriösen Santa Margherita Ligure. Vor meinem Zimmer mit seitlichem Meerblick streckt eine prächtige Schirmpinie ihre Äste und Zweige aus, mein Blick erfasst rote Ziegeldächer, Bucht und ankernde Boote. Das Hotel hat das Flair einer gewissen Bejahrtheit wie ich, ich fühle mich wohl.
„Genova per noi … “ singt der Cantautore Paolo Conti in seiner Ballade über diese Stadt und äußert darin Bedenken, dass sie einen Besucher verschlucken und nicht mehr freigeben könnte. Genua sehen wir zweimal, und es übt in der Tat große Anziehungskraft, große Faszination aus. Der erste Besuch gilt dem Palazzo del Principe, dem Stadtpalais des schon genannten Andrea Doria, dem mit 92 Jahren ein auch für die heutige Zeit langes Leben beschieden war. Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, war 1533 hier zu Gast und war wohl ebenso wie wir angetan von der Anlage mit den ausladenden Seitenflügeln, von der Loggia degli Eroi, von den prächtigen Räumen mit all den Tapisserien, Gemälden und Fresken und schließlich vom Park mit der Fontana di Nettuno und der Fontana del Tritone.
Tags darauf geht es per treno von Santa Margherita bis zum Bahnhof Genova Brignole. Dort holt uns Laura mit Mikro auf Gesundheitsschuhen ab und führt uns durch das historische Zentrum, wobei unser Weg notwendigerweise nur einen Teil des Sehenswerten berührt: Via Venti (Settembre), Santo Stefano, Piazza De Ferrari, Teatro Carlo Felice, Palazzo Ducale, Il Gesù, San Donato, die Kathedrale San Lorenzo, Piazza San Matteo, mit Kirche und Kreuzgang und schließlich den Stadtteil Le Strade Nuove, insbesondere die breite Via Garibaldi mit den großartigen Adelspalästen des 16. und 17. Jahrhunderts, in denen sich das „Goldene Genueser Zeitalter“ spiegelt. In der Nähe der Piazza Banchi mit der Loggia dei Mercanti stoßen wir, einen Ort für die Mittagspause suchend, auf den reich freskierten Palazzo San Giorgio, in dem das erste Bankhaus Genuas, der Banco di San Giorgio, eingerichtet war. - Am freien Nachmittag tauchen wir ein in die Wunderwelt des Aquariums, das der berühmte Architekt Renzo Piano erbaut hat. Aus Anlass der 500-Jahr-Feiern der Entdeckung Amerikas wurde der gesamte Bereich des Porto Antico zu einem Kultur- und Vergnügungszentrum umgestaltet, wozu auch die Errichtung des zweitgrößten Aquariums Europas gehört. Auf einem im Hafen verankerten Schiff befinden sich zahlreiche Becken, u. a. ein Delphin-, ein Seehund- ein Hai- und ein Pinguinbecken, ein Streichelbecken mit Rochen und dazu noch ein Kolibri-Wald. Mensch und Meer erscheinen auf die vielfältigste Weise miteinander verbunden und voneinander abhängig, wie die Darstellung diverser Ökosysteme erkennen lässt. Ein Blickfang im Alten Hafen ist der Bigo, ein sich drehender 40 Meter hoher Panorama-Aufzug in Form von Schiffskränen, ebenso auffallend ist die martialische Galeone Nettuno, die aus einem Film Roman Polanskis stammt, mit der Galionsfigur des Gottes Neptun am Bug.
Auf der Fahrt nach Santa Margherita durchqueren wir jedesmal Rapallo, wahrscheinlich der bekannteste Ferienort an der Riviera di Levante. Neben seiner Beliebtheit als Urlaubsdomizil spielt Rapallo auch in der jüngeren Geschichte eine nicht unbedeutende Rolle. Am Rande einer Finanz- und Wirtschaftskonferenz in Genua wurde hier am 16. April 1922 der Vertrag von Rapallo zwischen Deutschland und Russland über Reparationsverzicht und über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen. Der Vertrag von Rapallo wurde allerdings nicht in Rapallo selbst geschlossen, sondern in dem im benachbarten Badeort Santa Margherita Ligure gelegenen Hotel Imperiale, in dem die russische Delegation der Konferenz von Genua wohnte.
Von Santa Margherita aus unternehmen wir eine Schiffsfahrt um das Kap Punta di Portofino herum nach San Fruttuoso, einem reizvoll in einer steil gerahmten Bucht versteckten Benediktinerkloster, das der Familie Doria eine Zeitlang als Grablege diente. Die unerbittliche Beschließerin verweigert uns hier wegen Zeitüberschreitung den Eintritt – einerlei, das Vergnügen am wunderbaren Anblick der Abtei im Sonnenschein kann uns niemand nehmen. Die kleine Bucht, eingefasst von grün überdachten Klippen, das Spiel der Wellen mit den hellen Kieselsteinen des Strandes, das bald blaue, bald silbern flimmernde Wasser – wirklich eine Idylle. Das Verlassen und Besteigen des Bootes verlangt von uns des bewegten Wassers wegen einiges an Balancegefühl. Auf der Rückfahrt werden wir noch mit einem Abstecher in den Hafen des Nobelbadeortes Portofino beschenkt, dessen elegante Boote und bunte Häuser sich im Wasser spiegeln. Eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe für Tausende von Passagieren, die MSC LIRICA, ein schwimmendes Hotel, ankert weit draußen vor der Hafenbucht.
Der Fluss Magra bildet die Ostgrenze Liguriens zur Toskana. An ihm liegt Sarzana, ebenfalls mit bedeutender Altstadt und der Kathedrale Santa Maria Assunta aus dem 13. Jahrhundert. Im Norden der Stadt, die einst ein beliebtes Etappenziel der Via Francigena nach Rom war, thront auf strategisch beherrschendem Hügel La Fortezza di Sarzanello, eine Burg mit drei Rundtürmen und umlaufendem Graben. Die Türme sind bekrönt von den Schwalbenschwanzzinnen der kaisertreuen Ghibellinen und geschmückt mit den harmonisch umlaufenden Stützbögen des vorkragenden Wehrganges.
Wo sich der Fluss Magra ins Mar Ligure ergießt, beginnt der schon genannte Golfo dei Poeti. Den innersten Winkel dieses Golfs hält freilich eine sehr weltliche Stadt besetzt, der Militärstützpunkt und Handelshafen La Spezia. Uns ist dort eine Stunde Mittagsrast vergönnt, in der wir nach kurzer Einkehr auf dem Corso Cavour die palmenbesetzte und kanonenbestückte Uferpromenade, die Passeggiata Morin, erreichen. Wolken türmen sich dunkel drohend über dem Meer und verheißen nichts Gutes. Trotzdem geht es weiter nach Portovenere, in den Hafen der Venus, einmalig gelegen am Fuß einer Felsklippe. Die gegenüberliegende Insel Palmaria macht das Meer zur Wasserstraße, die farbenfrohe Zeile hoher, schmaler Häuser rückt nahe an die Kaimauer, darüber steigt das Gelände steil hinauf zu einem Castello. Nicht weniger eindrucksvoll ist die grau und weiß gestreifte Chiesa di San Pietro, zu Ehren des Schutzheiligen der Fischer auf dem exponierten Sporn der Landspitze im 13. Jahrhundert erbaut. Vorgängerbau soll ein Tempel der Venus gewesen sein.
Von Portovenere aus treten wir unsere Seefahrt entlang der Cinque Terre an. Der 20 km lange Küstenabschnitt ist zu Recht UNESCO-Weltkulturerbe. Als wir das Kap Arapaia, auf dem San Pietro sitzt, umfahren haben, können wir uns kaum sattsehen an der imposanten Landschaft, die ihre Wurzeln im Meer versenkt hat und unmittelbar daraus emporsteigt in Platten und Klüften, dann wieder in Felsbändern und Terrassen, unterbrochen von den fünf Orten, die auf Meereshöhe aus Felsspalten allmählich herauswachsen und mit gelben, ockerfarbenen und rostroten Häuserwürfeln ihr Dasein bekunden. Nur die Eisenbahn wühlt sich furchtlos durch die Felsen und verknüpft, abgesehen von der Schifffahrtslinie, die Fischerdörfer mit der Welt. Wie berühmt dieses Naturschutzgebiet und Wanderparadies ist, zeigt der Andrang an Besuchern. Waren wir zuerst allein auf dem Schiff, so ist es nach viermaligem Halt voll besetzt. Aus der Ferne sehen wir die Via dell’Amore zwischen Riomaggiore und Manarola. Amore steht also doch noch immer hoch im Kurs. In Monterosso al Mare ist nach einer guten Stunde Endstation, unser Schiff seufzt erleichtert, als es seine Last los ist.
Eugenio Montale
, 1896 in Genua geboren, 1975 mit dem Nobelpreis für Litertur ausgezeichnet, verbrachte als Kind Ferientage in Monterosso al Mare. Daran erinnert eine Tafel.
Die Cinque Terre bilden das Ende unserer Rundtour. Bravourös meistert unser Chauffeur die endlosen Serpentinen von Monterosso bis Levanto, bis zur Autobahn. Plötzlich taucht auch die Sonne wieder hinter den Wolken hervor, geradeso, als hätte sie sich heute nur aus Bosheit versteckt, um uns zu ärgern.
In Santa Margherita bleibt mir noch Zeit, die strahlende Barockkirche der Namenspatronin des Ortes zu besuchen und durch den herrlichen Park der ochsenblutrot leuchtenden Villa Durazzo zu schlendern. Eine Fülle exotischer Pflanzen breitet sich unter hohen Baumkronen und zwischen majestätisch nickenden Palmen und düfteverströmenden Sträuchern aus, dazu noch der Blick auf die Bucht im warm getönten Abendlicht …
Über Fontanabuona geht es die Südflanke des ligurischen Appenin aufwärts bis Torriglia, in dessen Nähe die Trebbia entspringt. Das Trebbiatal, bei Wildwasserkanuten beliebt, ist eines der reizvollsten Täler des nördlichen Appennin. Der türkisgrüne Fluss windet sich in tiefen, einsamen Waldschluchten bis in die Gegend von Bobbio, dann fließt er etwas beruhigter bis Piacenza. Seinem Lauf  folgt die Straße. Bobbio, das bereits in der Region Emilia-Romagna liegt, verlangt einen letzten Besichtigungshalt. Der irische Mönch Kolumban hatte 614 von Theodolinde, der Gattin des Langobardenkönigs Agilulf, das Gebiet um Bobbio zum Geschenk bekommen und hier den Grundstein für ein Kloster gelegt. Die Mönche lebten nach der Regula Benedicti, und die Abtei wurde bald eines der spirituellen und kulturellen Zentren Oberitaliens. Die Klosterbibliothek war in ganz Europa berühmt. Umberto Eco nahm sie sich für sein Werk „Im Namen der Rose“ zur Vorlage.
Wir besuchen die Basilika und die Krypta mit dem Sarg des heiligen Kolumban. Kunsthistorisch wertvoll ist ein Fußbodenmosaik aus der romanischen Basilika des 12. Jahrhunderts. Es stellt in zwei Streifen den Kampf des Guten gegen das Böse und in weiteren zwei Streifen die zwölf Monate mit den sie charakterisierenden Tätigkeiten des bäuerlichen Arbeitsjahres dar. Die Präsentation hinter einem Gitter sowie die dunklen Reproduktionen an der Wand erweisen sich nicht gerade als besucherfreundlich. Von Bobbio geht es talauswärts bis Piacenza, von dort immer auf der Autostrada mit den notwendigen Unterbrechungen bis nach Hause. Nach ungefähr 3.000 km Fahrt erreichen wir alle wohlbehalten den Ausgangspunkt unserer Kulturreise.
Worte der Freude, der Anerkennung und des Dankes wurden bereits im Bus gesprochen. Die Reise ist zum unvergesslichen Erlebnis geworden, das ausschließlich dem Einsatz, dem Engagement, dem Organisationstalent und nicht zuletzt den Interessen, den Kenntnissen und dem Wissen unserer Reiseleiterin Frau Graue zu verdanken ist. Am Ende unserer Fahrt stand eine weitere Reise auf dem Horizont des nächsten Jahres. Ich freue mich darauf!

Mag. Helmut Graf