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500 Jahre Ghetto von Venedig

An der Stelle des heutigen Ghetto (in der Nähe des Bahnhofs Santa Lucia im Sestiere von Cannaregio) befand sich früher eine Gießerei; dieses Gebiet hat man den Juden im Jahr 1516 zugewiesen; dort durften sie sich niederlassen und ihren Geschäften nachgehen. Um den Campo del Ghetto Novo gruppierten sich Häuser, die oftmals aufgestockt werden mussten, um die ständig wachsende Bevölkerung aufnehmen zu können. In engen und niedrigen Wohnungen lebten die Juden ständig mit der Gefahr von Bränden, dem drohenden Zusammenbruch und der Furcht vor Ansteckung im Fall von Epidemien.

Den ersten Kern im Ghetto bildeten die ashkenasischen Juden (d.h. Juden aus dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation), die teilweise schon seit Jahrhunderten in Norditalien lebten, sowie die italienischen Juden, die vorwiegend aus dem Süden des Landes zuzogen. Sie bauten 1528 die Scola Tedesca („scola“ oder Haus des Studiums und des Gebetes), der 1531/32 der Bau der Scola Canton und schließlich die Scola Italiana folgten.

In einigen Geschäften, die man über die „Sottoportici“ des Platzes erreichte, gingen die Bewohner des Ghetto einer der wenigen ihnen erlaubten Tätigkeiten, der Pfandleihe, nach, die jedoch von der Regierung überwacht und hoch besteuert wurde; daran erinnert noch die Inschrift „banco rosso“.

Nach 1516 kamen immer mehr Juden aus Europa nach Venedig, um den zahlreichen Massakern zu entkommen; während des ganzen 16. Jahrhunderts siedelten sich auch zahlreiche Juden aus dem östlichen Mittelmeerraum, der nunmehr vollkommen in türkischer Hand war, in der Lagunenstadt an. Dabei handelte sich überwiegend um reiche Kaufleute, von denen einige für den Handel mit kostbaren Waren berühmt waren, während es sich bei den anderen um sehr kompetente Ärzte oder Wissen-schaftler handelte. Diese als „Levantini“ bezeichneten Juden kamen am Ende des 16. Jahrhunderts aus Konstantinopel und von den ägäischen Inseln und wurden im Ghetto Vecchio angesiedelt, wo auch die „Ponentini lebten: Juden, die nach ihrer Ausweisung aus Spanien und Portugal, auf Umwegen nach Venedig gekommen waren, die aber erst 1589 eingeschlossen wurden.

Die Levanini und Ponentini wurden von der Republik Venedig bevorzugt behandelt, da man in ihnen die einzigen Kaufleute sah, die in der Lage waren, die Handelsbeziehungen mit den Türken aufrecht zu erhalten, nachdem sich die venezianischen Kaufleute aus diesen Gebieten wegen des hohen Risikos zurückgezogen hatten. Sie stellten einen erheblichen Beitrag für die Staatskassen dar.

Die Unterschiede in der wirtschaftlichen Situation der neuen Bevölkerung gegenüber dem alten Kern kann man auch in den beiden religiösen Bauten, der Scola Spagnola und der Scola Levantina erkennen, denauffallendsten der Synagogen von Venedig; sie entstanden nicht mehr im Inneren eines bereits vorhandenen Gebäudes.

Die Scola Spagnola ist nicht nur die größte unter den Scole, sondern sie besitzt auch eine barocke Innenausstattung, sowie eine doppelte Eingangstreppe und eine wunderschöne Frauen-empore, die den reichen rechteckigen Kultsaal auf drei Seiten umschließt. – Diese beiden Synagogen werden noch heute an hohen Feiertagen benützt; wobei die Scola Levantina die einzige Synagoge ist, die auch im Winter benützt werden kann, da sie als einzige über eine Heizung verfügt.

1633 gestand man den Juden neuerlich eine Erweiterung zu: das Ghetto Nuovissimo, das allerdings nur aus wenigen Baukörpern bestand. Hier waren die Wohnungen geräumiger und verfügten manchmal sogar über einen Garten.

Unter Napoleon Bonaparte wurde das Ghetto aufgelöst, die Tore, die den einzigen Zugang  ermöglichten und die bei Sonnenuntergang geschlossen und während der Nacht von christlichen Wächtern kontrolliert wurden, die sie erst beim Läuten der Marangona wieder öffneten, wurden entfernt.

Auch die Boote, die nachts in den Kanälen rund um das Ghetto patrouillierten und die Zugänge vom Wasser überwachten, verschwanden. Ab diesem Zeitpunkt konnten sich die Juden in Venedig im ganzen Stadtgebiet niederlassen, aber viele von ihnen verließen die Lagunenstadt, da das Ende der Serenissima Repubblica di Venezia auch den Niedergang der wirtschaftlichen Möglichkeiten und der Blüte der Stadt zur Folge hatte.