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Die Reformation

Anlass für die Beschäftigung mit diesem Thema war das 1984 erschienene Buch von Fulvio Tomizza: „Il male viene dal Nord“, in dem der aus Istrien stammende Autor das Leben seines Landsmannes aus Capodistria, Pier Paolo Vergerio d.J. und seiner beiden Brüder Giacomo und Aurelio, schildert.

Tomizza hatte schon davor mit dem Buch La Miglior Vita“ 1977 den bedeutenden Premio Strega gewonnen und 1979 nach der Übersetzung des Werkes ins Deutsche den „Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur“. Der Titel ist ein Teil des Satzes, mit dem der Priester den Tod eines Menschen im Sterberegister vermerkte: „… è passato a miglior vita“ – er ist in ein besseres Leben hinübergegangen. Das Jenseits, das bessere Leben – das war das Credo des Mittelalters.

In der Neuzeit steht der Mensch im Hier und jetzt im Mittelpunkt und damit befinden wir uns in einer Zeitenwende.

Pier Paolo Vergerio wird 1498 geboren und ist der 5. Sohn, dem der Vater (Notar) den Vornamen des berühmten Ahnen gibt, des Humanisten und Griechischprofessors in Florenz und Padua zu einer Zeit, in der diese Sprache eine neue Blüte erlebte.

Pier Paolo schließt die Studien des bürgerlichen und des kanonischen Rechts in Padua mit sehr gutem Erfolg ab und arbeitet zunächst als Rechtsanwalt in Venedig, wo er die Festrede für Marino Grimani bei dessen Ernennung zum Kardinal hält. In der Folge ist er Richter in Verona und heiratet 1526 Diana Contarini, die allerdings schon ein Jahr später stirbt.

Sein Bruder Aurelio hatte in Venedig Pietro Aretino kennengelernt, der ihn einem Freund am päpstlichen Hof empfahl, wo er 1530 Sekretär des Papstes wird. - Damit beginnt der Aufstieg der Brüder Vergerio: Giambattista wird Abt der Benediktiner-Abtei von Zara und 1532 Bischof von Pola, - als Aurelio in Rom unvermutet stirbt und Pier Paolo in seine Fußstapfen am römischen Hof tritt. Seine erste Mission führt ihn zurück nach Venedig, wo er häufig Gast von Pietro Aretino in dessen Palast am Rialto ist. Dort knüpft er Kontakte, von denen er hofft, dass sie ihm in seiner Karriere nützlich sein können, während er für seinen Auftraggeber, den Papst, Allianzen gegen die Türken schmieden soll; diese Mission misslingt, dennoch wird er päpstlicher Nuntius am Hof von Ferdinand I (Bruder von Karl V) in Wien, den er zeitweise auch nach Prag begleitet.

Tomizza schildert in seinem Werk nicht nur das Schicksal seines Landsmannes, sondern auch die großen Umbrüche zur Zeitenwende: vom Mittelalter zur Neuzeit, die durch die Entdeckung Amerikas, den Aufstieg Spaniens und den Vormarsch der Osmanen gegen Westen gekennzeichnet war (sie belagern 1529 Wien), sowie die Auseinandersetzungen zwischen Karl V und Franz I von Frankreich, die sich durch Jahrzehnte hinzogen. - Schließlich öffnet sich für den Kaiser eine weitere Front in Deutschland mit den Protesten Luthers (1517), der allerdings nicht der erste und einzige Kritiker der katholischen Kirche und vor allem des Papsttums war.

Tomizza, der die Reformation und die Person Luthers aus italienischer Sicht schildert, unterstreicht auch die großen Unterschiede zwischen Italien und Deutschland. Die Italiener blicken auf die Deutschen herab, weil sie ohne Kultur waren. In Rom war man überzeugt, die Reformation beherrschen und unterdrücken zu können, wie so viele Bewegungen davor. Sie fällt aber auf fruchtbaren Boden, da der Missbrauch innerhalb der Kirche weit verbreitet war.

Pier Paolo Vergerio wird 1536 zum Bischof von Modrus und dann von Capodistria ernannt, wo er immer wieder mit großen Geldsorgen zu kämpfen hat. Daher nimmt er am Reichstag in Worms als Vertreter Frankreichs teil, wohin ihn Kardinal Ippolito d’Este mitgenommen hatte.

Tomizza schildert ausführlich die Intrigen am päpstlichen Hof und unter den Kardinälen. Pier Paolo Vergerio muss in seine Diözese zurückkehren, wo er den Aberglauben und die Heiligenverehrung bekämpft, mit der sich einige Klöster zusätzliche Geldmittel beschafften und nähert sich so immer mehr der Lehre Luthers an, die sich gegen Missbräuche in der Kirche und den Ablass richtet, mit dem sich die Gläubigen eine kürzere Verweildauer im Fegefeuer erkaufen wollen.

1544 wird er schließlich als Anhänger Luthers angeklagt, kann aber ein Erscheinen vor der Inquisition in Rom aufgrund seiner hervorragenden Rechtskenntnisse vermeiden. In einem ersten Prozess 1546 in Venedig wird er freigesprochen, einen weiteren Prozess in Rom kann er verhindern.

Nunmehr setzt er die Propaganda der lutherischen Lehren in der Schweiz, Deutschland und Polen fort. Er stirbt am 4. Oktober 1565 in Tübingen.