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Dantes Hauptwerk

ist die „DIVINA COMMEDIA“; seit 1290 geplant und vorbereitet; nach 1313 in der jetzigen Form bearbeitet und 1321 vollendet.
Formal betrachtet spielt die Dreizahl eine große Rolle. Das Epos ist in dem von Dante geschaffenen Dreireim der Terzine geschrieben, hat (außer einem einleitenden Gesang.

3x 33 Gesänge, der Himmel hat 3x3 Wölbungen, 3x3 Stufen führen zur Hölle, Luzifer hat drei Gesichter als Gegenspieler der Hl. Dreieinigkeit etc. Es ist das „Epos der Erlösung“, die Schilderung einer visionären Wanderung des Dichters als des sündigen Menschen durch die drei Reiche des Jenseits:
Hölle (Inferno), Fegefeuer (Purgatorio) und Himmel (Paradiso)
. Diese werden als wirklich existierend angesehen, entsprechen dem ptolemäischen Weltsystem, sie sind Realitäten, keine Sinnbilder. Der in der Welt wie im Jenseits strauchelnde Mensch bedarf der übermenschlichen Hilfe, die ihn leitet. Er findet sie in Vergil, Vertreter der Philosophie und der Vernunft, der ihn durch Hölle und Fegefeuer leitet, und Beatrice, Sinnbild der Offenbarung und Theologie, die die geistliche Leitung übernimmt und den geläuterten Menschen zur Region der ewigen Seligkeit und zu Gott führt. Diese Wanderung ist demnach der Weg zur Erlösung, die völlig gewiss ist. Es gibt keinen Zweifel zwischen Glaube und Wissen. Die Hölle wird durchschritten, der Berg der Läuterung erklommen, das Paradies wird dem Wanderer zuteil als Gewissheit Gottes.

Im Lauf der Wanderung ergeben sich viele Begegnungen und Gespräche, die ein vollständiges Bild der damaligen Zeit geben: Lokal- und Zeitgeschichte neben Fragen aus Mythologie, Philosophie, Theologie, Mystik, Kultur, Geschichte, Astronomie u.a. Neben vielen alten Vorstellungen finden sich bahnbrechend neue. Dante steht in einer Tradition, die länger als ein Jahrtausend keine wesentliche poetische Leistung hervorgebracht hatte, er wächst über den Klosterdichter und Moralisten hinaus und verbindet die Höhe mittelalterlichen Wissens mit den neuen Konzeptionen des „Dolce stil nuovo“. Empfinden und Denken werden in den Mittelpunkt gerückt. Noch ist die Umwelt nicht einbezogen, noch gibt es keinen Individualismus. Auch Dante ist kein Individualist, aber ein Mensch, der alle künstlerischen und geistigen Bestrebungen seiner Zeit, die ganze Summe der Kultur, in sich zusammengefasst und der Nachwelt durch sein Werk, das zugleich Traktat, Legende, Lobgesang ist, überliefert hat.