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Reiseberichte

Piemont - nicht nur FIAT, Trüffel und Wein
17. - 24. Mai 2014

Die Kulturreise der Dante Alighieri Gesellschaft Klagenfurt führte im Mai 2014 in die Region Piemont, von der  die Einigung Italiens ausging und die allgemein als Standort der FIAT- Werke, aber auch für hervorragen-de Weine und die Trüffel bekannt ist. Dass diese Region wesentlich mehr zu bieten hat, davon konnten sich die Mitglieder  der Dante Klagenfurt, die an dieser Fahrt teilnahmen, überzeugen.
Schon auf der Hinreise, die uns über Mailand führte (wo man bereits die umfangreichen Bauten für die EXPO 2015 erkennen konnte), legten wir einen Halt in Novara ein: eine der elegantesten Städte Italiens überhaupt, die nicht nur als Reisanbauzentrum im Nordwesten Italiens bekannt ist, sondern auch für Bauwerke aus verschiedensten Epochen.
Danach setzten wir die Fahrt fort: Standort für die nächsten Tage war Turin. Zwar lag das ausgezeichnete Hotel etwas außerhalb des Zentrums, dafür unmittelbar an einer Haltestelle der neuen Metro, mit der Interessenten dieses in wenigen Minuten erreichen konnten.
Das Susa-Tal war das Ziel am ersten Tag; heute berüchtigt wegen der umstrittenen Trasse des Hoch-geschwindigkeitszuges Lyon – Turin (TAV – treno ad alta velocità). Nahe der französischen Grenze,  direkt am Fuß der Berge, eingebettet in eine unberührte Landschaft liegt die Abtei Novalesa, deren Kapellen auf einen weiten Park verstreut sind. In jener, die den Heiligen Eldrado und Nicola geweiht ist, sind noch Fresken aus dem 11. JH erhalten. Susa war schon zur Zeit der Römer ein wichtiger (Militär- und Handels) Stützpunkt und bewahrt aus dieser Zeit nicht nur ein kleines Amphitheater, sondern auch beeindruckende Reste der Stadtmauer und den berühmten Augustusbogen.
Eine der spektakulärsten Kunststätten des ganzen Alpenraums ist die Sacra di San Michele; ein Michaelsheiligtum, zwischen dem Gargano in Apulien und dem Mont-St.-Michel in der Bretagne gelegen, vielleicht schon von den Langobarden errichtet, die hier die vernichtende Niederlage gegen die Franken einstecken mussten. Burg und Kloster wurden in zahllosen Kämpfen zwischen Savoyern und Franzosen mehrfach schwer beschädigt, aber immer wieder aufgebaut. War auch der Aufstieg etwas beschwerlich, so entschädigten die ausgezeichnet erhaltenen romanischen Skulpturen und der Blick von diesem „Adlerhorst“ über das Tal bis nach Turin für alle Mühe.
Am Eingang in das Susa-Tal liegt an der Pilgerstraße über die Alpen die Abtei Sant'Antonio di Ranverso, ein einstmals bedeutendes Kloster, bekannt für die Krankenpflege und als Leprastation, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Hier begegneten wir zum ersten Mal den Wimpergen, die ein Kennzeichen dieser Gegend sind und die man ursprünglichen Fassaden vorgebaut hat, um Einheitlichkeit vorzutäuschen.
Am Montag, dem Tag, an dem die meisten Sehenswürdigkeiten geschlossen sind, führte uns unser Weg über Cherasco – das Borgo Franco – zum Castello von Grinzane Cavour, das nicht nur an den großen Sohn der Region und den Staatsmann der Einigung Italiens, erinnert, sondern auch die bedeutendste „Enoteca“ der Region beherbergt. Bei dieser Kombination konnte uns auch der Regen nichts anhaben! – Danach ging es durch die Hügel der Langhe und des Roero weiter zum Weingut der Familie Marsaglia, wo uns nach einer interessanten und kurzweiligen Führung auch ein hervorragendes Mittagessen mit einer Weinverkostung erwartete. - Den Abschluss dieses kulinarischen Tages bildete ein Besuch der „Trüffel-Stadt“ Alba mit ihren Backsteinbauten und den zahlreichen Geschlechtertürmen.
Die Geschichte der Region und jene des Hauses Savoyen kann man bei einem Besuch der Reggia di Venaria, einem der Schlösser, die Turin wie eine Krone umgeben, mit Händen greifen. Als die Familie, die aus dem gleichnamigen Gebiet in Frankreich stammte, ihre Interessen und damit auch ihre Residenz nach Italien verlegte, begann sie mit dem Aus- und Umbau der Stadt Turin;  verschiedene Mitglieder des Hauses errichteten ferner zahlreiche Lust- bzw. Jagdschlösser in unmittelbarer Nähe der neuen Hauptstadt.
Aus Anlass der Feiern zu 150 Jahre Einigung Italiens (2011) wurde auch die Reggia aufwendig restauriert. Die Besichtigung der zahllosen Säle, Gänge und Gallerien nimmt runde zwei Stunden in Anspruch, obwohl fast alle Räume bis auf Fresken, Stuck und einige Wandteppiche leer sind. Nach dem Bau des Castello di Stupinigi wurde diese Reggia praktisch nicht mehr von der Familie verwendet.
Beeindruckend ein Spaziergang im riesigen Garten, erholsam eine Erfrischung auf der Terrasse mit Blick auf die noch schneebedeckten Berge. Zum Abschluss genossen wir die musikalischen Wasserspiele um 12 Uhr in einem der Höfe der Anlage, ehe es zurück nach Turin ging, wo uns unsere Führerin bereits erwartete.
Mit dem Bus ging es bis zum Po und durch die großartigen Parkanlagen des Castello del Valentino (eine weitere Residenz der Savoyer – heute Technische Hochschule von Turin) und weiter über den Fluss und den Kapuzinerberg wieder zurück ins Zentrum, wo wir eine Verschnaufpause in einem der berühmten Kaffeehäuser Turins einlegten; denn diese Stadt ist auch für ihre Schokoladeprodukte berühmt und für ihre diversen aperitivi und digestivi ecc.
Beeindruckend die breiten Straßen, die zahllosen, riesigen Paläste, die für die Verwaltung des Staates errichtet worden waren und nach der Verlegung der Hauptstadt nach Rom mit neuem Leben erfüllt werden mussten: Palazzo Reale, Palazzo Madama, Palazzo Carignano etc. Unbedingt sehenswert der Dom mit der Kapelle für die Sindone (das Grabtuch Christi – in früheren Zeiten eine der bedeutendsten Reliquien der Christenheit, die die Savoyer vor einigen Jahren dem Papst zum Geschenk machten). Ein Blick auf die Ausgrabungen aus römischer Zeit, ein Gang durch die unendlichen Höfe und Fluchten des Palazzo Reale und in die Biblioteca, schlossen diesen Rundgang ab.
Das Kennzeichen der Hügel des nördlichen Monferrat sind die zahllosen romanischen Landkirchen, die nach den Sarazeneneinfällen des 10. JH errichtet wurden. Kleine und kurvenreiche Straßen führen durch diese wunderschöne Landschaft. Unsere Besichtigung begann bei der am Ende des 11. JH erbauten Abtei von Vezzolano, an deren Westfassade man die Einflüsse aus der nahen Lombardei, aber auch aus Burgund erkennen kann; das Innere überrascht dann mit dem großartigen Lettner, der sicher nicht für diese Kirche geschaffen wurde. Am Fenster der Mittelapsis eine wunderschöne Verkündigung (ähnlich jener der Sacra di S. Michele). Kreuzgang und weitere Klosterbauten ebenfalls in Backstein und sehr gut erhalten.
Von dort ging es weiter durch die Landschaft nach Cortazzone zur schönsten der romanischen Pievi: San Secondo (12. JH), die trotz mehrfacher Eingriffe – besonders an der Südflanke – noch den reichen Reliefschmuck erkennen lässt.
Die „heimliche Hauptstadt“ des Monferrat – Asti – hatten wir für die Mittagspause gewählt und kamen gerade zum Markttag zurecht. Bei einem Spaziergang durch die einst bedeutende Handelsstadt, besichtigten wir die Kathedrale und die dem Stadtpatron gewidmete Kirche San Secondo, mit der Nachbildung eines Carroccio und den Palio-Fahnen. Im Zentrum sind ferner einige Geschlechtertürme erhalten und eine bedeutende Synagoge.
Der Besuch der Hauptstadt der Grafschaft des Monferrato – Casale Monferrato – fiel aus Zeitmangel aus; dafür ging es zurück nach Turin und mit dem Bus zur Votivkirche Superga: auf einer Anhöhe jenseits des Po gelegen (sie erinnert an den Sieg der Savoyer gegen die Franzosen, der Dank der Hilfe von Prinz Eugen und der österreichischen Truppen errungen werden konnte). Auch hier konnte man den „Zahn der Zeit“ erkennen, - aber der Blick auf die Stadt mit den breiten und schnurgeraden Straßen, den  Sehens-würdigkeiten, dem Fluss und dem riesigen Areal der FIAT-Werke lohnte.
Die große Zisterzienserabtei von Staffarda war der erste Programmpunkt des darauffolgenden Tages. Sie lag nahe der Pilgerstraßen und wurde im 12. JH von den Saluzzer Markgrafen gestiftet; zu ihrer Glanzzeit war sie unermesslich reich, unterstanden ihr doch über 200 Ländereien und so wurde sie zum Geldgeber von Adel und Städten. Die zahlreichen Bauten umschließen drei Höfe: nur der erste Hof war für Pilger und Händler zugänglich; hier befindet sich auch die „Foresteria“ – das Gästehaus: eine großartige zweischiffige Halle, deren Obergeschoss als Schlafsaal diente, während das Erdgeschoss als Speisesaal für die Pilger genutzt wurde; der 2. Hof war den Laienbrüdern vorbehalten, während der 3. Hof Teil der Klausur war. - Zwei Flügel des Kreuzganges sind ebenso zerstört wie das Brunnenhaus. Beeindruckend in ihrer typisch zisterziensischen Schlichtheit die Kirche, in der nur die Farben des Steins wirken.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Saluzzo, ging die Fahrt weiter zum Castello von Manta, das der FAI (Fondo per l’Ambiente Italiano) restaurieren ließ und der Allgemeinheit zugänglich machte. Berühmt ist der gotische Freskenzyklus im Festsaal, der noch an die feudale Selbstdarstellung der Markgrafen von Saluzzo erinnert. Franzosen und Savoyern ist es nicht gelungen alle Erinnerungen an sie auszulöschen.
Den Abschluss bildete die Besichtigung des Jagdschlosses von Stupinigi; hier befindet sich heute ein Möbelmuseum.Das Schossist von einem riesigen Park und weitläufigen Jagdgründen umgeben und wird heute vom Maurizianer-Orden (einem Ritterorden der Savoyer) verwaltet.
Am letzten Tag des Aufenthaltes erkundeten wir drei „Industriestädte“ nördlich von Turin: Ivrea, Hauptort des Canavese, bekannt durch die Olivetti – Werke, war schon ein wichtiger römischer Stützpunkt am Ausgang des Aosta-Tales und eine bedeutende Markgrafschaft; das imposante Castello mit den vier Rundtürmen im oberen Teil der Stadt darf aber nicht mehr betreten werden.
Biella, wahrscheinlich schon eine keltische Gründung, wurde lange Zeit vom Bischof der Stadt beherrscht. Auch hier unterscheiden wir eine Unter- und eine Oberstadt (diese kann man auch mit einer Zahnradbahn erreichen). Besonders sehenswert ist das Baptisterium aus 1040.
Etwas außerhalb der Stadt liegt das Ricetto di Candelo; inden vergangenen Jahrhunderten eine Art befestigtes Magazin für die Landbevölkerung.
Vercelli, Zentrum des Reisanbaues, verfügt mit der Kirche Sant Andrea über ein besonders interessantes Bauwerk; das frühere Kloster beherbergt heute Universitäts-Institute und ist daher gut erhalten.