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Reiseberichte

Conegliano - Bellini e i Belliniani
01. April 2017

Wer James-Bond-Fan war oder ist, wird bei 'Bellini' vielleicht an eine Episode im Film 'James Bond 007 - Casino Royal' und da an jene Szene in der Bar denken, in der Daniel Craig als James Bond einen angebotenen Martini ablehnt und stattdessen einen 'Bellini' ordert. Dieser inzwischen klassische Cocktail, bestehend aus trockenem Prosecco, einem halben pürierten weißen Pfirsich und etwas Zuckersirup, wurde in Harry's Bar in Venedig von einem gewissen Giuseppe Cipriani schon 1948 kreiert und nach Giovanni Bellini, dem berühmten venezianischen Maler der Frührenaissance, benannt.

Conegliano, eine Stadt mit etwa 30.000 Einwohnern, etwa 30 km von Treviso entfernt, bezeichnet sich selbst als Città d'arte e del prosecco und ist damit per se die Brücke zwischen dem Cocktail und dem Pittore. Gegründet wurde die Stadt im 12. Jhdt. von wohlhabenden Venezianern, die sich für den Sommer Wohnsitze in dieser lieblichen Landschaft am Fuße der Alpen erbauten.

Das Ziel unserer von Frau Graue wie gewohnt bestens organisierten Tagesfahrt nach Conegliano war die Ausstellung 'Bellini e i Belliniani' im Palazzo Sarcinelli, einem Adelspalais des 16. Jhdts., heute im Besitz der Kommune und als Galleria d'arte genutzt.

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Zu Beginn der Führung bekommen wir alle einen Kopfhörer, um den Erklärungen unserer Führerin Luisa besser folgen zu können. Den Worten Luisas hören wir mit Vergnügen zu, ihre klare und deutliche Diktion und ihre klug gewählte Informationsauswahl lässt uns zur Ansicht kommen, dass unsere Bemühungen um die italienische Sprache doch nicht ganz umsonst waren.

Äußerer Anlass der Präsentation ist die 500. Wiederkehr des Todestages Bellinis. Giovanni Bellini (1437 – 1516) begründete zusammen mit seinem Bruder Gentile eine venezianische Malerschule der Frührenaissance. Ihr Vater Jacopo war ebenfalls Maler, Andrea Mantegna war der Schwager der beiden Brüder. Um der starken Nachfrage vor allem nach Madonnenbildern nachkommen zu können, führte Bellini eine große Malerwerkstatt (Bodega) und bildete viele Schüler aus, darunter Giorgione und Tizian. - Die Ausstellung gruppiert sich um zwei Hauptwerke Giovanni Bellinis, Madonna mit dem Jesuskind und Kreuztragender Christus, und zeigt im Vergleich mit den Werken anderer zeitgenössischer Künstler Parallelen und Unterschiede, Entwicklungslinien, Stilempfinden, handwerkliches Geschick und künstlerische Intuition sowie programmatische Schwerpunkte des Meisters und seiner Schüler auf. Die gezeigten Werke gehören zur wertvollen Sammlung der Accademia dei Concordi di Rovigo und umfassen neben den Arbeiten italienischer Meister wie Palma il Vecchio, Dosso Dossi und Tintoretto auch solche niederländischer und deutscher Meister (Mabuse, Mostaert, Albrecht Dürer) - Themen in den einzelnen Räumen sind 1. Die Morgenröte (der Beginn) der Renaissance, 2. Madonnen mit Jesuskind, 3. Heilige rund um den Thron Mariens mit dem Kind (sacra conversazione), 4. Christus als Leidender und als Erlöser, 5. Porträts. - Berühmt sind Bellinis im Bildhintergrund angelegte Darstellungen von Hügellandschaften, befestigten Städten und  Bergsilhouetten, eine Erfindung, die ein wesentliches Merkmal der venezianischen Malerei wurde. Mit der Übernahme der Ölfarben aus der niederländischen Malerei erhalten Bellinis Werke besondere Weichheit, Wärme und Leuchtkraft. Albrecht Dürer, der von Bellinis 'Thronender Madonna mit den vier Evangelisten' in der Frari-Kirche in Venedig zu seinen 'Vier Aposteln' angeregt wurde, bezeichnete Bellini in einem Brief als den besten Maler seiner Zeit.

Nach dem Gang durch die abgedunkelten Ausstellungsräume treten wir mit blinzelnden Augen ins helle Sonnenlicht heraus und erreichen nach ein paar Minuten Fußweg unseren Bus, der uns ins nahe Susegana bringt. Das Castello San Salvatore ist schon von weitem über dem Ort sichtbar.

Zuerst jedoch fahren wir unter der Anleitung Lauras, einer früheren Dante-Mitarbeiterin, welche jetzt in der Nähe von Conegliano lebt und unseren Bus als ortskundige Führerin bestiegen hat, auf schmaler, vielfach gewundener Straße zu einem Agroturismo-Lokal namens Borgoluce auf einer Anhöhe inmitten von Weinbergen. Die gastliche Stätte, in der wir mit Prosecco begrüßt werden und hervorragend speisen, hätte zu längerem Verweilen eingeladen, doch es geht bald wieder den Hügel hinunter und weiter zum zweiten Ziel des Tages, zum Castello San Salvatore.

Diesmal erwartet uns eine gut Deutsch sprechende Führerin mit dem wohlklingenden Namen Federica Fossaluzza und beginnt sogleich mit ihren Ausführungen über den Bau und die wechselvollen Geschicke des Schlosses. Der Burghügel kam im 13. Jhdt. In den Besitz der Grafen Collalto. Kaiser Heinrich VII belehnte 1312 Graf Rangbaldus (später Rambold) VIII  mit der Gerichtsbarkeit über die Grafschaften Collalto und San Salvatore. Das Geschlecht der Grafen von Collalto hat wahrscheinlich langobardische Wurzeln. Die Fürsten von Collalto und San Salvatore gehörten zum österreichischen Hochadel. Rambold XIII., Graf von Collalto zu San Salvatore (1579 – 1630), war Hofkriegsratspräsident und kaiserlicher Feldmarschall sowie Feldherr während des Dreißigjährigen Krieges und wurde 1610 von Kaiser Ferdinand II. in den deutschen Reichsgrafenstand erhoben. Die Familie residierte im Palais Collalto in Wien.

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1323 wurde mit dem Bau der Burganlage begonnen, am Ende des Mittelalters umfasste die Anlage etwa 30.000 m² und war damit eine der größten Burgbauten Norditaliens. Die Burg erlebte nun ihre Blütezeit und wurde ein Zentrum von Malern, Dichtern, Musikern und Gelehrten. Im 17. Jahrhundert ließ Graf Odoardo inmitten der Burganlage ein prächtiges Schloss, den Palazzo Odoardo, errichten, um sich mit dem venezianischen Adel zu messen in der Hoffnung, so das Amt des Dogen zu erlangen.

Wir erobern das Burggelände auf einem steilen Torweg mit Kieselpflaster durch eine Zypressenallee, erreichen durch das Nordtor zuerst den Borgo, um dann weiterzusteigen zum Campanile - der Turm ist mit der siebenzackigen Grafenkrone geziert - der zerstörten Kirche Santa Croce. Die Apsis der Kirche fällt durch ihre unerwartete barocke Architektur ins Auge. Im Torbau mit der Zugbrücke, deren steinernes Gegengewicht noch vorhanden ist, kündet eine Inschrift vom Besuch des österreichischen Erzherzogs Johann, Bruder von Kaiser Franz I, im Jahre 1804. Vom nahen Belvedere (mit römischem Grabstein) bietet sich ein weiter Ausblick bis zum Piave. An der Kirche San Salvatore vorbei gelangen wir zum Palazzo Odoardo, in den uns über eine prunkvolle Freitreppe Einlass gewährt wird. Wir besuchen die Räume in der ersten und zweiten Etage, u. a. zwei Prunksäle, den Waffensaal und die Bibliothek, und betreten dann den von zwei Seitenflügeln gerahmten Innenhof, von dem eine breite Steintreppe zur Gartenterrassen hinabführt. Unter blühenden Glyzinien, die sich an den Resten der zerstörten mittelalterlichen Gemäuer emporranken, erreichen wir den Schlossbrunnen und schließlich wieder die Freitreppe am Schlosseingang.

Die gesamte Burganlage ist im Ersten Weltkrieg arg in Mitleidenschaft gezogen worden, weil sie als Teil der österreichisch-ungarischen Piavefront von den Italienern bombardiert wurde. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird die historische Stätte, besonders das Schloss durch die Familie Collalto renoviert und ist so ihrer Geschichte im ursprünglichen Glanz wiedergegeben worden.

Auf mehrfachen Wunsch gibt es gleich nach der Abfahrt noch einen kurzen Halt in der Cantina Collalto, in der sich einige Reiseteilnehmer mit Wein bzw. Prosecco wohl zur Erinnerung an diese schöne und eindrucksvolle Fahrt mitten in die Proseccogegend versorgen.

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Grazie mille an unsere Presidentessa für die Ausrichtung dieser wunderbaren Fahrt!

Mag. Prof. Helmut Graf