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Parma und die Ducati dell'Emilia

Im Frühjahr 2012 wurde – aufgrund des Erdbebens – häufig aus und über diese Region berichtet. Mittlerweile ist dieses Thema nicht nur aus den österreichischen Medien verschwunden, sondern auch in Italien wird nur noch selten darüber geschrieben.

Betroffen von dieser Naturkatastrophe war die Emilia, jener Teil der Region, der seinen Namen von der Konsularstraße ableitet, die im 2. JH v. Chr. von den Römern errichtet wurde und Rimini mit Piacenza verband. Die „Via Emilia“ (Staatsstraße 9 -285 km lang) ist nach wie vor eine wichtige Verkehrsader, die so angelegt worden war, dass sie in allen Zeiten überschwemmungsfrei blieb. Parallel dazu verlaufen heute sowohl die Autobahn als auch die Bahntrasse.

In der Vergangenheit diente sie nicht nur dem Transport von Waren, sondern war auch für die Verlegung der römischen Legionen von Bedeutung: die Distanzen zwischen den Städten betragen ca. 30 km, das entspricht den Tagesmärschen der römischen Soldaten. In späterer Zeit entstanden hier wichtige Klöster, deren Aufgabe vor allem in der Bonifizierung des Landes und der Beherbergung der Pilger lag.
Um dieses Gebiet, das die Übergänge über den Po kontrollierte und für die Weiterfahrt in den Norden (über Apennin und Alpen) von entscheidender Bedeutung war, kämpften Kaiser und Päpste um Einfluss und Macht. Sie belehnten treue Waffenbrüder mit wichtigen Lehen. Daraus entstehen die ersten Signorie: jene der Este in Ferrara und Modena und später jene der Farnese in Parma und Piacenza.

Aber auch in zahlreichen kleineren Orten bildeten sich Ducati oder Principati heraus, die ihre Herrschaft für einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte behaupten konnten, ehe sie von den größeren Herzogtümern vereinnahmt wurden. - Bekannten Namen begegnen wir heute noch in diesen Orten oder wir bewundern ihre Burgen und Schlösser in der Umgebung.

In Mirandola (nördlich von Modena) herrschte die Familie Pico von 1311 bis 1707 über ein sehr kleines Fürstentum, das besonders durch den Humanisten und Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463 – 94) berühmt wurde, den jüngeren Bruder des Herzogs Galeotto I, der an den Renaissancehöfen Italiens als Erzieher und Lehrer tätig war.

Auch Carpi war die Hauptstadt eines Zwergstaates, aber die Herzogsfamilie der Pio wusste ihrer Residenz ein eigenes Gesicht zu geben; das Geschlecht regierte von 1327 bis 1525 über Carpi, ehe Kaiser Karl V das Fürstentum auflöste und Stadt und Umland den Este überließ.

Im Apennin von Reggio befindet sich die vielleicht bekannteste Anlage, von der allerdings nur noch Ruinen vorhanden sind. Hier waren die Markgrafen von Canossa zu Hause; 1077 soll Kaiser Heinrich IV über Vermittlung der Markgräfin Mathilde drei Tage im Schnee Buße vor Papst Gregor VII getan und damit einen Konflikt beendet haben, der das ganze Abendland erschüttert hatte.
Die stattliche Burgruine in Reggiolo, wo die große Gräfin 1115 starb, stammt aus dem 13. JH
Noch jünger ist die Rocca von Novellara, wo einst eine Nebenlinie der Gonzaga von Mantua Hof hielt und sogar Kaiser Karl V einmal zu Gast war. Ein Teil des Gebäudes dient heute als Rathaus.

In Correggio (der Heimat des berühmten Malers, von dem es hier aber keine Spuren mehr zu entdecken gibt) ließ um 1500 Franziska von Brandenburg, die Gemahlin des Brunoro von Correggio eine neue Residenz errichten, die später zu ihrem Witwensitz werden sollte. Schön, wenn auch bescheiden, der Innenhof im Stil der Renaissance. Im kleinen Museum, das sich im Palazzo befindet, wird nicht nur die Büchersammlung der Fürstin aufbewahrt, sondern man kann auch einige flämische Gobelins bewundern. – 1630 setzte Kaiser Ferdinand II den letzten Grafen ab und schlug das Territorium dem Herzogtum der Este von Modena und Reggio zu.

In Gualtieri am Po residierten die Bentivoglio, nachdem Papst Julius II sie aus Bologna vertrieben hatte. Der unter Cornelio Bentivoglio im späten 16. JH errichtete Palast wurde mehrfach durch Hochwasser des Po beschädigt; der Fürst unterstellte sich 1567 mit seinem ganzen Besitz den Este, - die Familie residierte aber bis 1623 in diesem Palast, der dann verfiel.

Im 3 km entfernten Guastalla, das 603 vom Langobardenkönig Agilulf als Militärgründung gegen die Byzantiner angelegt worden war, erlangte die Bevölkerung als erste in der Emilia die kommunale Freiheit; von 1539 bis 1746 regierte auch hier eine Seitenlinie der Gonzaga von Mantua (Lessing hat dem leichtsinnigen Herzog in seinem Trauerspiel „Emilia Galotti“ ein Denkmal gesetzt).

Zahlreich sind die kleinen Fürstentümer auch in der Provinz Parma. Busseto, das heute durch das Teatro Verdi berühmt ist, war vor 1588 Hauptstadt eines kleinen Fürstentums der Pallavicini, ehe die Farnese die Herrschaft übernahmen; die Pallavicini hielten sich aber auch weiterhin in der Villa Pallavicini, ihrer Sommerresidenz, in Busseto auf.

Soragna
besaßen die Meli Lupi als kaiserliches Lehen; die Familie bewohnt auch heute noch das prächtige Anwesen.

Die Sanvitale herrschten seit dem 14. JH in Fontanellato: die Wasserburg dient heute der Gemeindeverwaltung. Berühmt sind die Fresken des Parmigianino (nach den Metamorphosen des Ovid).

Pier Maria Rossi
ist als Erbauer von zwei Burgen nördlich der Via Emilia berühmt geworden: San Secondo, das er 1440 für seine Gemahlin Antonia Torelli errichten ließ und wo sich Fresken befinden, die sich mit der Geschichte der Familie befassen und das 12 km entfernte Roccabianca, das er für seine Geliebte Bianca Pellegrini erbauen ließ.
Südlich der Via Emilia steht wohl die bedeutendste Burg dieses Fürsten: Torrechiara (errichtet zwischen 1448 und 1460); ein dreifacher Mauergürtel mit mächtigen Ecktürmen umgibt einen geräumigen malerischen Innenhof. Berühmt ist vor allem die Camera d’oro, die er für seine Geliebte ausmalen ließ: wir sehen sie als Pilgerin, die auf der Suche nach ihrem Geliebten, von einer Burg zur anderen wandert.
In der Provinz Piacenza sind vor allem zwei Orte zu nennen, die ihren mittelalterlichen Charakter erhalten (oder durch Restaurierung wieder gewonnen) haben:

Castell’Arquato
, über das nach den Scotti in den Jahrhunderten viele Herren herrschten: die Visconti, Sforza, Colleoni, Trivulzi und wieder die Sforza ehe es 1707 von den Farnese annektiert wurde und Vigoleno, der Prototyp einer winzigen Burgstadt, die ebenfalls lange Zeit im Besitz der Scotti war.