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Mantua - die Stadt der Gonzaga

Die von den Etruskern gegründete Stadt erhob sich auf zwei kleinen Inseln, die durch Ablagerungen des Mincio entstanden waren. Ihren Namen leitet sie – der Überlieferung nach - von Manto, der Tochter des Sehers Teiresias von Theben ab, die als Gründerin der Stadt bezeichnet wurde und der Dante Alighieri in seiner „Göttlichen Komödie“ im 20. Gesang des Inferno ein Denkmal setzte.

Auch unter römischer Herrschaft hatte Mantua Bestand – wenn auch kaum Bedeutung. Nach dem Ende des Römischen Reiches wurde der Ort von den verschiedenen Völker-schaften, die nach Italien eingedrungen waren, erobert und teilweise zerstört: Hunnen, Goten, Byzantiner, Langobarden und Franken.

Am Ende des 10. Jahrhunderts war Mantua Teil des Besitzes der Attoni von Canossa, deren bedeutendste und letzte Vertreterin, die Gräfin Mathilde, 1115 starb.

Die Bewohner von Mantua, die sich schon immer durch einen gewissen Starrsinn ausgezeichnet hatten, er-klärten in der Folge ihre Stadt zum „Libero Comune“ und verteidigten ihre Unabhängigkeit vor allem auch gegenüber dem Kaiser. Aus den schweren internen Parteikämpfen zwischen Guelfen und Ghibellinen ging 1273 Pinamonte Bonacolsi als Sieger hervor und übernahm als Capitano del Popolo die Regierungsgewalt.

Mit dem Sturz der Bonacolsi durch Luigi Gonzaga im Jahr 1328 begann die 300jährige Herrschaft dieses Geschlechtes, das langlebigste unter den italienischen Signorenfamilien. Sie hatten es verstanden zu Lasten des Klosters von San Benedetto in Polirone große Ländereien und Besitzungen zu erwerben (der eigenartige Name des Klosters geht auf die Tatsache zurück, dass in diesem Punkt der Fluss Lirone in den Po mündet). Die umfangreichen Besitzungen des Klosters wurden meist an jene Adeligen verpachtet (und oft auch verschenkt), die sich verpflichteten die Felder zu bewirtschaften und den Mönchen „gewogen“ waren. Auf diese Art und Weise gelang es den Gonzaga die erforderlichen Geldmittel aufzutreiben, um in die Politik einzusteigen.

Geschickte Heirats- und Bündnispolitik brachte den Gonzaga Macht und Ruhm, die in gesteigerter Bautätigkeit ihren Ausdruck fanden: Francesco I (1366 – 1407) berief Bartolomeo da Novara nach Mantua, der für ihn das Castello S. Giorgio errichtete.

Der erste Markgraf Gian Francesco (1395 – 1444), holte Vittorino da Feltre in seine Stadt; dieser begründete dort die „Casa Gioiosa“, eine berühmte Humanistenschule. Zur gleichen Zeit wurde auch Pisanello zum Hofmaler der Gonzaga berufen.

Ludovico II (1414 – 1478), von Vittorino da Feltre erzogen, besaß nicht nur politisches Geschick, sondern auch großes Interesse an Kunst und Kultur:

1460 wurde Andrea Mantegna als Hofmaler nach Mantua berufen. Er hat die Markgrafenfamilie in der „Camera degli sposi“ verewigt: neben Ludovico II sehen wir seine Frau Barbara von Brandenburg, eine Verwandte des Kaisers.

Leon Battista Alberti erhielt den Auftrag zum Bau der Kirchen S. Andrea und S. Sebastiano.

Aber Geld ist nicht alles und nicht alles kann man mit Geld kaufen. Viele Mitglieder des Hauses Gonzaga litten an einer erblichen Missbildung – dem Buckel, der wahrscheinlich durch eine Heirat mit der Familie Malatesta „eingeschleppt“ worden war und von dem viele Kinder der Familie betroffen waren.

Welch schreckliche Auswirkungen diese Missbildung für einige der weiblichen Mitglieder des Hauses Gonzaga in der Folge haben sollte, schildert die Autorin Maria Bellonci auf einfühlsame und berührende Weise in ihren Werken: „Tu vipera gentile“ und „Il segreto dei Gonzaga, wobei sie auch jene Paola Gonzaga erwähnt, deren Brauttruhe in Kärnten aufbewahrt wird.

Der vierte Markgraf, Francesco II (1466 – 1519) heiratete 1490 Isabella d’Este, eine hochgebildete Frau, die vom Hof von Ferrara kommend, den Hof der Gonzaga den größten Künstlern Italiens öffnete und Mantua zum kulturellen Zentrum machte.

Ihr Sohn Federico II (1500 – 1540), der ab 1530 Herzog von Mantua war, berief Giulio Romano, den begabtesten Schüler von Raffael in die Stadt am Mincio; dieser schuf in wenigen Jahren den Palazzo TE und stattete den Herzogspalast verschwenderisch aus. Durch die Heirat mit Margherita Paleologa (1531) setzte er sich außerdem in den Besitz der Markgrafschaft Monferrat. Über die Wirren, Umwege, Skandale, die endlich zu dieser Heirat führten, informiert Maria Bellonci in ihrem Buch über die Geheimnisse der Gonzaga.

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Damit hatte diese Familie den Gipfel der Macht erreicht.

Wirtschaftliche Probleme und unermessliche Schulden zwingen den schwachen und weichlichen Herzog Vincenzo II (1594 – 1627) einen großen Teil der berühmten Gemäldesammlung der Familie zu veräußern: viele Werken werden von Karl I von England um einen Spottpreis erworben und befinden sich teilweise noch heute im Besitz des englischen Königshauses.

Mit ihm stirbt 1627 die Hauptlinie der Gonzaga im männlichen Stamm aus; bis 1707 regiert die französische Nebenlinie der Gonzaga – Nevers, dann folgen die Habsburger, die von 1707 bis 1797 die Stadt regieren. Unter ihrer Herrschaft setzt ein Bauboom ein und die Stadt kann zumindest teilweise ihre Würde und Pracht wieder erlangen.

In den Jahren, in denen Napoleon über Norditalien und somit auch über Mantua herrscht, werden alle noch in der Stadt verbliebenen wertvollen Kunstgegenstände nach Frankreich verbracht und der Stadt außerdem hohe Steuern und Abgaben auferlegt.

Nach dem Tod des Korsen fällt das Gebiet wieder an die Habsburger; Mantua wird ein Eckpfeiler des berühmten Festungsvierecks.

Gleichzeitig streben große Teile Italiens nach Unabhängigkeit und Einigung: das Risorgimento fordert gerade in Mantua einen hohen Blutzoll: noch heute gedenkt man der „Martiri di Belfiore“. In diesem kleinen Tal etwas außerhalb der Stadt hat man viele italienischen Patrioten hingerichtet.

Erst 1866 wird Mantua, das heute zur Region Lombardei gehört, mit dem Rest des Königreiches Italien vereinigt.

Heute ist Mantua eine provinzielle Agrar- und Industriestadt, deren Reiz durch die Lage an den drei Seen bestimmt wird und die es verstanden hat durch ein Literaturfestival, das jährlich im September stattfindet und das nach der Buchmesse von Turin an zweiter Stelle auf diesem Gebiet in Italien rangiert, einen Teil der kulturellen Bedeutung zurückzugewinnen. In diesem Zusammen-hang ist auch ein Musikwettbewerb zu nennen, der jungen Opernsängern eine interessante Bühne bietet.